Die Illusion der Reichweite
Immer häufiger begegnet man spirituellen Berater:innen, die gleichzeitig auf mehreren Portalen gelistet sind. Zwei, drei, vier – manchmal sogar acht.
Identische Fotos, identische Texte, identische Versprechen. Was auf den ersten Blick nach Professionalität und Reichweite aussieht, wirft bei genauerem Hinsehen berechtigte Fragen auf.
Denn wenn ein Portal gut besucht und sinnvoll strukturiert ist, braucht es kein drittes oder viertes Portal, um den eigenen Unterhalt zu sichern. Ein stabiles Portal genügt – vorausgesetzt, es bietet faire Bedingungen und eine klare Ausrichtung.
Die Praxis der Mehrfachlistung
Mehrfachlistungen sprechen nicht für die Portale, sondern für deren strukturelle Schwächen – oder für eine Beratungsform, die auf Masse statt Klasse setzt.
Wer auf mehreren Plattformen gleichzeitig aktiv ist, kann kaum überall präsent, konzentriert und authentisch arbeiten. Beratung ist keine Fließbandarbeit. Sie lebt von Tiefe, Beziehung und Vertrauen – nicht von automatisierten Gesprächsströmen.
Ich stelle mir das einmal praktisch vor:
Angenommen, man ist auf vier Portalen gleichzeitig online. Jedes dieser Portale verfügt über die Schaltflächen „Online“, „Offline“ und „Pause“.
Was passiert also, wenn auf einem der vier Portale ein Anruf eingeht?
Ist man überhaupt schnell genug, die anderen drei auf „Pause“ zu setzen?
Und wer garantiert, dass man in diesem Moment nicht ein Gespräch verpasst – vielleicht von jemandem, der wirklich Hilfe braucht?
Vielleicht wäre es ein Gespräch gewesen, das Vertrauen schafft – vielleicht sogar mit einem künftigen Stammkunden. Stattdessen spricht der Berater gerade mit jemandem, der erst einmal tief durchatmet – in einem Gratisgespräch, das mit Centbeträgen vergütet wird.
Und das erfährt der Berater oft erst nach dem Gespräch. Denn in den seltensten Fällen wird vorab transparent kommuniziert, ob es sich um ein Gratis- oder Zufallsgespräch handelt.
Aus Sicht der Portalbetreiber ist die Sorge offenbar zu groß, dass bei einer entsprechenden Ansage wie „Dies ist ein Gratisgespräch“ sofort aufgelegt wird.
Wer könnte es den Ratsuchenden verdenken?
Eingeschränkte Selbstbestimmung
Zudem wird die Selbstbestimmung der Berater:innen oft massiv eingeschränkt.
Viele Portale zwingen ihre Mitglieder in sogenannte „Gratisgespräche“, Geburtstagsminuten oder Zufallsgespräche. Und wer sich davon ausschließen möchte, kann das oft erst ab einer bestimmten Beratungszahl – oder gar nicht. Das ist nicht nur unprofessionell, sondern entwertet die Arbeit und degradiert Berater:innen zu Content-Lieferanten.
Der rechtliche Aspekt
Sicherlich – ein Selbstständiger darf laut § 2 Nr. 9 SGB VI nicht ausschließlich für einen einzigen Auftraggeber tätig sein.
Doch in den allermeisten Fällen arbeiten spirituelle Berater:innen nicht ausschließlich als Berater:innen. Ich selbst tue das ebenfalls nicht - siehe hier
Fazit: Masse ersetzt keine Tiefe
Beratung am Fließband? Wenn es so einfach wäre, könnte es jeder.
Doch echte spirituelle Arbeit braucht Konzentration, Verantwortung und Präsenz – nicht acht Profile mit identischen Texten und automatisierten Gesprächsangeboten.
Und vergessen wird dabei gern: Berater:innen sind selbstständig.
Das bedeutet nicht, dass sie sich jeder Regel beugen müssen – und schon gar nicht, dass sie als untergeordnete Dienstleister zu funktionieren haben. Ein Portal, das seine Berater:innen nicht als Partner sieht, sondern als austauschbare Nummern, hat das Prinzip nicht verstanden.
Was bleibt, ist ein System, das Ratsuchende verwirrt und Berater:innen entwertet.
Denn wer auf mehreren Portalen gleichzeitig agiert, sendet ein klares Signal:
Hier geht es nicht um Tiefe, sondern um Sichtbarkeit. Nicht um Präsenz, sondern um Reichweite.
Und nicht um echte Verbindung – sondern in erster Linie um Geschäft.


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