Spirituelle Arbeit ist kein Boulevard-Magazin und schon gar kein Live-TV. Wer hier Antworten sucht, bekommt keine Unterhaltung, sondern Klarheit. Doch der Alltag zeigt: Manche Ratsuchende verwechseln ernsthafte Beratung mit einer Mischung aus Reality-Show, Nachbarschaftstratsch und absurdem Impro-Theater.
Szene 1: Die Socken-Frage des Jahrhunderts
„Kannst du sehen, ob er wieder die löchrigen Socken trägt?“
Ich lege die Karten, schaue – und denke mir: Nein, ich bin keine Fußmode-Reporterin. Ich bin Beraterin. Applaus aus der ersten Reihe, die Socken bekommen den Preis für „Bestes Kostüm“.
Szene 2: Der Hund als internationaler Schmuggler
„Der Nachbar vom Nachbarn hat einen Hund. Vielleicht gehört er den Kindern, die ausgewandert sind. Hat der Hund die Bluse von meiner Cousine geklaut? Ist die Bluse noch im Land oder schon im Ausland?“
Ich sitze da, starre auf die Karten und denke: Das ist kein Beratungsgespräch – das ist eine Schmuggler-Saga mit Hund in der Hauptrolle. Der Hund bekommt den Oscar für die beste Nebenrolle und ich habe die Beratung beendet
Szene 3: Die Aufleger – Stars der Kurzvorstellung
Ich nehme ab, und es dröhnt durch den Hörer:
„Ey, kommt der Martin wieder zu mir zurück?“
Ich lege die Karten aus – niemand kommt zurück-niemand in ihrem Bild-kein Herzensmensch sichtbar. Ich frage also zaghaft nach." Wann kommt er denn heute nach Hause"?
„Nee, der war nie da. Ich will den nur, weil er so einen geilen Hintern hat, aber du bist zu doof, das zu sehen!“
Zack – Leitung tot. Standing Ovations für die kürzeste Vorstellung des Abends.
Szene 4: Die Kühlschrank-Esoterik
Eine Frau ruft völlig außer Atem an:
„Kann ich endlich aufhören, im Kreis zu laufen?“
Ich frage verwundert: „Warum laufen Sie denn im Kreis?“
Sie erklärt: Eine andere Beraterin habe ihr geraten, eine Kühltruhe zu kaufen, das Foto ihres Mannes hineinzulegen und so lange, um die Truhe zu laufen, bis das Eis taut. immerhin habe Sie erst einmal eine Kühltruhe kaufen müssen und der Transport war auch nicht ohne, merkte Sie noch an.
Ich sitze da, schweige und denke: Selbst dem schlagfertigsten Berater fällt dazu nichts mehr ein. Randbemerkung: Die Kühltruhe gewinnt den Preis für „Beste Requisite“.
Szene 5: Das Picknick am Bach – die 40-jährige Liebesillusion
Eine Ratsuchende ruft mich an und schildert erst einmal die Ist-Situation. Ganze fünfzehn Minuten erzählt sie von ihrer „Beziehung“ zu ihrem Herzensmenschen. Sie berichtet von gemeinsamen Unternehmungen, vom letzten Picknick am Bach, an dem sie schon als Kinder gespielt hatten, und schwärmt von den wundervollen Nächten. Der Sex sei atemberaubend – doch jetzt, und das ist der Grund ihres Anrufs, herrscht seit einigen Tagen Funkstille. Trotzdem fährt Sie fort mit den Schilderungen ohne das ich Antworten kann oder darf.
Dann endlich, nach einer Viertelstunde, kommt die große Frage:
„Wird alles wieder gut?“
Die Karten zeigen: nichts. Kein Mann, kein Herzensmensch, keine Beziehung. Ich lege erneut, sogar rückwärts – wieder nichts. Schließlich frage ich vorsichtig: „Wann kommt Ihr Mann denn heute nach Hause?“
Die Antwort: „Wieso nach Hause? Wir wohnen doch gar nicht zusammen. Ich habe ihn das letzte Mal vor vierzig Jahren gesehen – als wir Kinder am Bach zusammen gespielt haben. Aber ich spüre ihn jeden Tag.“
Und tatsächlich taucht ein Mann im Bild auf. Es ist jener Kindheitsfreund, der damals zwischen fünf und neun Jahren mit ihr am Bach gespielt hat. Heute glücklich verheiratet, Vater von vier Kindern und seit Jahrzehnten ohne jeden Kontakt zu ihr.
Sie aber bleibt überzeugt: Für sie ist er nach wie vor präsent. Sie sitzt jeden Tag in ihrem Sessel und „spürt“ ihn. Ich denke mir: Herzlichen Glückwunsch – das ist die längste Funkstille der Welt. Vierzig Jahre ohne Kontakt, aber Hauptsache, die Nächte waren traumhaft.
Randbemerkung: Der Bach bekommt den Preis für „Beste Kulisse“.
Vorhang fällt. Stille im Saal. Ich verbeuge mich innerlich und denke: Ein innerliches Blumenpflücken der besonderen Art. - Publikum klatscht, der Hund wedelt, die Kühltruhe taut.


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